Besser als Highdelbeck

Vom Rauschen der Liebe in Kalletal

Ein Text von Axel Bürger

Da rauschte sie heran. Auf einer roten Ducati 1200 Pikes Peak. Älteres Modell. Das Motorrad, die Frau war taufrisch. Helm ab, sie kam ihm entgegen. Die Haare schienen eine Restfeuchte vom Duschen in sich zu tragen. Der Verkehr auf der Kreuzung zwischen Hohenhausen und Brosen nahm keine Notiz. Aaron hatte etwas warten müssen. Er war schon unterwegs, als ihn die SMS erreichte: „Ich komme etwas später. Viertel vor sollte klappen. Bis dann.“ Kira-Ashley Busekros, 30 Jahre alt, blond ohne eine typische Blondine zu sein, angemessen schmal geschnitten, eine Frau, die Vergangenheit in sich trug. Mal sichtbar, mal unnahbar. Aaron wusste nicht so recht, was diese zwei Stunden hier in der Zentrale des Kalletals  bringen würden. Er fühlte sich gut. Er hatte das gelbe T-Shirt gewählt, weil es morgens war und weil Schwarz bekanntlich keine Farbe ist. Wenngleich Schwarz seinen Typ, die grauen Haare und die gelebten Träume, die bisweilen einfach nur Irrwege waren, unterstrichen hätten. Jetzt saßen sie da. Kira-Ashley zog es in den Schatten, Aaron saß gern in der Sonne. Er rückte etwas näher, wollte bei diesem Frühstück nicht quer über den Tisch schreien. Sie fummelte an sich herum, zupfte hier und da. Dann kam der Kellner. „Drei Rühreier, einen Latte Macchiato, einen Liter Wasser.“ Die Speisekarte war nicht vonnöten, Kira-Ashley kannte sich aus, Sie wusste, wie das Frühstück aussehen soll und hoffte, dass es auch so schmecken würde. Aaron zeigte sich leicht beeindruckt von dieser Routine, bestellte einfach das gleiche plus Tomaten und lehnte sich zurück. Die Sonnenbrille ließ er auf den Tisch gleiten. Wie sinnlos, eine Frau erstmals wirklich wahrzunehmen und seine eigenen Augen versteckt zu halten. Sie erzählte vom Reiten in Herbrechtsdorf, bei Aaron bauten sich Bilder auf. Er sah sich und diese Frau auf einem Steg sitzen. Die Sonne wärmte beide gnädig. Das Schilf wiegte leise hin und her. Ruhig lag der See vor ihnen, sie ließen sich auf die warmen Lärchenbretter des Stegs gleiten. Vielleicht an der Weser. Schlagartig katapultierte es ihn zurück in der Gegenwart. Das Rührei kam. Kira-Ashley: „Die Ducati ist vorhin nicht sofort angesprungen. Ich hätte es wissen können.“ Später, während das Frühstück vom Teller in den Magen wanderte, waren sich beide schnell einig, dass es Menschen müde mache, sich für eine Liebesbeziehung immer aufs Posen zu verlegen. Und sonst? Kira-Ashley hatte einige Umzugskartons noch immer nicht ausgepackt. Aaron merkte, wie jeder Satz dieser Frau sich in sein Bewusstsein schraubte. Stets auf der Suche nach Bildern im Kopf, nach Assoziationen. Es war wie eine Erlebnistankstelle ohne selbst getankt zu haben. Es war diese nahezu perfekte Präsenz. Oberflächlich abgebrüht, innerlich handelsüblich zerrissen. Er merkte gleichzeitig, wie dieses ewige Gedankenauftürmen die Gegenwart verleugnete. Er spürte wie gern er neben ihr saß. Sie hätte das Telefonbuch von Rinteln vorlesen können, er hätte es genossen. Er fühlte sich gut. Sie war zwischenzeitlich gedanklich woanders. Schaute ins Off. Er dachte, okay, sie arbeitet beim Fernsehen, vielleicht schaut man irgendwann ins Off, sowie ein Gärtner ins Beet schaut. Ein Blick zur Uhr sagte ihm, dass es unweigerlich ein Ende dieses Frühstücks geben würde. Sie wollte gegen 11.30 Uhr gehen. Fahren  natürlich. Zum Sender. 45 Kilometer. Er hätte hier ewig sitzen können. Er wusste nicht wie dieses Gefühl entstand. Es war wie eine Ebene, die sich entfaltete. Ohne Zutun, wie selbstverständlich. Zwar hier und da noch voller Fragen und emotionaler Tumulte, aber ein pures Vergnügen. Er kannte sie jetzt etwas länger als eine Woche. Der Knall kam auf Umwegen. Sie hatte in einem Streifenshirt quer moderiert und auf einmal sah er eine andere Frau vor der Kamera. Es musste ein kostbarer Moment gewesen sein, als er merkte, dass da etwas passiert war. Er wollte sie. Nicht im Vorbeigehen, nicht als Geplänkel oder zur Ablenkung, nicht zwischen die Schenkel und die Karawane zieht weiter. Er wollte ihren Rhythmus erleben, wollte spüren, was diese Frau in ihm freisetzte. Die Zeit schlug Rad. Schon war alles wieder Vergangenheit, sie musste gehen. Eine Umarmung. Er hätte es gern gehabt, dass ihre sperrige Motorradjacke noch über dem Stuhl hing. Mehr Nähe. Er blieb sitzen, sie ging zahlen, stieg auf ihre Ducati und war binnen weniger Minuten Richtung Lemgo verschwunden. Aaron legte die Hand ans Kinn, trank den Milchkaffee langsam aus und wusste, das war sie. Ohne sie je geküsst zu haben, ohne alles quasi. Sie, eine Frau, besser als Tantra und Thai-Massage. Besser als Nutella und Bananenmilchshake, besser als alle Trilogien von George Lucas, die Muppets Show, das Ende von 2001. Besser als der Hüftschwung von Emma Peel, Marilyn, Schlumpfinchen, Lara Croft, Naomi Campbell und der Leberfleck von Cindy Crawford. Besser als die B-Seite von Abbey Road, die Solos von Jimi Hendrix, Neil Armstrongs Schritte auf dem Mond, der Space Mountain, das Lied vom Weihnachtsmann, das Vermögen von Bill Gates, die Trance des Dalai Lama, Nahtoderfahrungen, die Auferweckung des Lazarus, all die Testosteron-Spritzen von Schwarzenegger, das Kollagen in den Lippen von Pamela Anderson. Besser als Woodstock, Highdelbeck und die orgiastischste Raver-Party. Besser als die Freiheit. Besser als das Leben.

 

(Axel Bürger, aufgewachsen in Kalletal-Stemmen,  arbeitet als Dozent, Journalist & Trainer. kreativetiefe.de)